Presse-Spiegel

Puchheimer Jugendkammerorchester spielt für Siegfried Burger
Tuttlinger Musiker und Komponist feiert 90. Geburtstag – Kinder organisieren Konzert in Maria Königin

Von Stefan Metzger

TUTTLINGEN - Siegfried Burger prägt seit weit mehr als einem halben Jahrhundert das Tuttlinger Musikleben. Um ihn gebührend zu feiern, hatten seine Kinder am Samstag ein Festkonzert mit dem Puchheimer Jugendkammerorchester in Maria Königin für ihren Vater organisiert. Und beschenkt wurde nicht nur der Jubilar, sondern alle, die mit ihm seinen 90. Geburtstag zu feiern gekommen waren.

Burger ist ein Musiker, der als Chor- und Orchesterleiter die großen Werke nicht nur der  Kirchenmusik zum Klingen gebracht hat, einen Mentor, der etwa im Gallus-Chor Generationen von jungen Laien und angehenden Profis gefördert hat, sodass nicht wenige es zu Bekanntheit und Ruhm gebracht haben. Er ist ein Komponist, der mit einem reichen Gesamtwerk bis hin zum großen Oratorium weit über Tuttlingen hinaus bekannt geworden ist.

Die 21 jungen Musiker des Puchheimer Jugendkammerorchesters aus München und Umgebung spielten zu Beginn den ersten Satz aus Schuberts Streichquartett d-moll (D 810) „Der Tod und das Mädchen“. Schon der Beginn ließ aufhorchen, so spannungsreich und punktgenau hob der brüchig komponierte Beginn an. Und mit welcher Musizierfreude, Klangqualität und Genauigkeit der Satz musiziert wurde, wie intensiv die Stimmungswechsel gelangen, war imponierend. Dies gilt umso mehr, als das Orchester zunächst ohne Dirigent spielte – der Leiter Peter Michielsen war von einer Erkrankung noch nicht ganz genesen. Simone Michielsen, geborene Burger, Ko-Chefin des Orchesters und Geigerin, führte locker durch das Programm, in dem ein leichter, schwebend ausmusizierter Satz von Franz Xaver Richter folgte.

Im Zentrum des Konzertes waren natürlich Stücke Burgers selbst zu hören. Da gab es zwei Werke für Solo-Violine. Im „Spiel für Violine Solo“ von 1977 lotet der Geiger Siegfried Burger die  Möglichkeiten des Instruments aus. Spannungsreich getragene, fragmentarische Passagen wechseln mit virtuosem Auffahren. Dieses freitonale emotionale Klangbild jenseits des Konventionellen wie des Konstruierten ist charakteristisch für Burger. Gespielt wurde es von der erst neunjährigen Maya Wiechert mit enormen geigerischen Fähigkeiten – ein außergewöhnliches Talent. Kaum nach stand ihr die zehnjährige Clara Chen, die „Sommerliche Landschaft“, einmal klagend, mal mit Chinoiserien spielendem lautmalerischem Tonbild, souverän musizierte.

Dramatisch und dissonant
Daneben war „Welch ein Jammer“ aus dem Jahr 1996 für drei Violinen zu hören, das die Stimmung dramatisch und dissonant, aber auch mit brütenden Klangflächen zum Ausdruck bringt, zum Klingen gebracht von den Geschwistern Matthes. Schließlich noch das „Krokodil“. Das Stück ist, wie Siegfried Burger selbst erzählte, inspiriert von einem Afrika-Besuch. Danach fügt sich der langsame
Satz aus den „Fünf Stücken für Streichorchester“ des von Burger geschätzten Paul Hindemith schön ein. Den Abschluss bildete der Walzer aus der Streicherserenade von Tschaikowski und das „Finale furioso“ aus dem Concerto für Streicher von Alberto Ginastera. Mit welcher Konzentration und Spielfreude die Puchheimer hier nochmals zu Werke gingen, war Jubilar und Publikum eine Freude. Als Zugabe gab es den urbayerischen Walzer „Woidhansl“.

Erschienen in: SCHWÄBISCHE ZEITUNG 07.12.2015

 

Die bewegte und bewegende Melodie eines Lebens – Komponist Siegfried Burger feiert mit 300 Gästen einen musikalischen 89. Geburtstag.

TUTTLINGEN – Das glückliche Talent zur Begeisterung ist ihm auch mit 89 nicht verloren gegangen. Er ist eine „Persönlichkeit, die man selbst nach 50 Jahren nicht vergisst“: Siegfried Burger, Grandseigneur des Tuttlinger Musiklebens, feierte am Donnerstag mit einem Konzert in der Stadthalle den Beginn seines 90. Lebensjahres – seinen 89. Geburtstag. Rund 300 Gäste feierten mit ihm.

Von Alfred Thiele

Er ist von seiner Heimatstadt Tuttlingen geprägt worden und hat ihr musikalisch-kulturelles Leben geprägt wie nur wenige andere. Mehrere Streichquartette hat er geschrieben, über 150 Werke für Klavier zu sechs Händen, Sonaten, Konzerte, Messen; drei Chöre hat er geleitet, sogar das „Te Deum“ zu seiner Hochzeit hat er einst selbst geschrieben und dirigiert. Lehrer am Gymnasium war er und Hochschuldozent – und: er hat hunderte von Rezensionen für den Gränzboten geschrieben: Siegfried Burger, Komponist, Pädagoge, Musikjournalist und nicht zuletzt auch Uhrmachermeister feierte seinen „großen Tag“ mit einem wirklich außergewöhnlichen Konzert – drei Pianisten an drei Flügeln und Streichorchester erlebt man schließlich nicht alle Tage.

Burger, seines Zeichens Träger des Kulturpreises der Stadt Tuttlingen, zählt zu jenen seltenen Zeitgenossen, die als Künstler und Lehrer ganze Generationen zur Musik und zum Schöngeistigen geführt, die sie das Staunen und Fragen gelehrt haben. Für einige seiner Schüler wurde die Musik zur lebenslangen Leidenschaft, zum Beruf, öffnete die Tore zum Ruhm: etwa für die international renommierten Sängerinnen Doris Soffel, Dorothea Wirtz und Marlis Petersen.

Die Feier wurde denn auch zu einem musikalisch-gesellschaftlichen Ereignis. Rund 300 Besucher, nicht nur aus Tuttlingen, sondern aus der ganzen Region – vor allem aus Trossingen – waren gekommen, um Siegfried Burger zu gratulieren und diese Soirée mit seinen Werken mitzuerleben, die durch die Unterstützung des Klavierhauses Hermann, der Kreissparkasse Tuttlingen, der Aesculap AG und der Karl Storz GmbH & Co. KG erst möglich geworden war.

Bürgermeister Emil Buschle – vor Jahrzehnten am Gymnasium selbst Schüler von Siegfried Burger – würdigte den Jubilar als „einen kompetenten Lehrer, der sich höchster Wertschätzung erfreute“. Er gehöre zu jenen Persönlichkeiten, „die man selbst nach 50 Jahren nicht vergisst“, Burger sei ein Mensch, der „für seine Ziele lebt“, ein Künstler, dessen Leben von einer starken Bindung zu seiner Heimatstadt geprägt sei. Zutiefst gläubig, sei ihm auch die Kirchenmusik ein Herzensanliegen, der Glaube setze schließlich eine „ungeheure Kreativität frei“, betonte Emil Buschle.
Auch Frank Golischewski, bekannter Musicalautor und Kabarettist aus Trossingen, zählte zu den Gratulanten, genoss er doch in den 1980er-Jahren als Student Burgers Unterricht im Fach Gehörbildung. „Für viele von uns waren Sie ein wichtiger Mosaikstein in unserem Werdegang“ würdigte er das Wirken seines ehemaligen Lehrers: „Sie haben uns nicht nur den Tristanakkord beigebracht, es gab auch viele heitere Momente im Unterricht.“ Er selbst könne aber „nur Chanson“, meinte Golischewski schmunzelnd und bedankte sich mit einem kurzen und humorvollen Reigen bekannter Schlager aus Burgers Lebenszeit – von den Nachkriegsjahren bis zur Gegenwart.

Und dann Siegfried Burgers Musik: Tomislav Baynov, langjähriger Freund und Weggefährte des Tuttlinger Komponisten und Professor an der Trossinger Hochschule, führte mit seinen Kollegen Ye Ran Kim und Axel Gremmelspacher zusammen mit einem Streichorchester unter der Leitung von Nikolaus Henseler mehrere Werke des Jubilars aus jüngster Zeit auf: das Konzert für Klavier und Streichorchester aus dem Jahr 2006 mit den Sätzen Allegro, Moderato und Allegro, die 2014 vollendete Schöpfung „Lebensweg“ für drei Klaviere mit der Satzbezeichnung „Lebendig“ (beide Werke sind Tomislav Baynov gewidmet), die eigenwillige Komposition „Krokodil“ für Streichorchester von 2013 sowie „Trias“ – ein Konzert für drei Klaviere und Streichorchester, geschrieben 2012 mit den ungewöhnlichen, leicht ironischen, für Siegfried Burger aber typischen Satzbezeichnungen „Allegro“, „Für junge Pianisten“, „Für kecke Pianisten“ sowie „Für schwärmerische Pianisten“.

Ins Schwärmen gerieten schließlich auch die zahlreichen Besucher angesichts der großen Bandbreite von Siegfried Burgers musikalischem Schaffen, das von opulenten, mitreißenden und berührenden spätromantischen Klangwelten bis zur Moderne reicht. Niemals verliert er jedoch die Melodie aus den Augen als tragende Säule eines musikalischen Kunstwerkes. Das Konzert am Donnerstagabend jedenfalls wurde zu einer bewegten und bewegenden Melodie seines Lebens.

Erschienen in: SCHWÄBISCHE ZEITUNG 06.12.2014

Konzert am 4. Dezember 2014